Der Mauerwerg – Paris Roubaix in Berlin

Jogger, Hunde und schlechte Wege,

damit ist eigentlich schon alles gesagt. Aber warum sollte man den Mauerweg, den ehemaligen Grenzweg der DDR Grenzer fahren? Nun ja, 25 Jahre nach dem Mauerfall, quasi zum Jubiläum,  kann man dieses Stück Berliner Geschichte sich schon einmal antun und somit die Ereignisse von Früher hautnah miterleben. Die Strecke war auch schon lange geplant und sollte mit 166 km der Jahreshöhepunkt werden.

Der südliche Mauerweg

Der Mauerweg ist kein unbeschriebenes Blatt, schon mehrmals wurde er in Angriff genommen. Allerdings nicht mit der Intention ihn komplett zu fahren, sondern eher als Radelstrecke in die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam. Sonst fuhren wir immer in Rudow auf den Weg, dieses mal fing die Strecke in Schönefeld an. Schönefeld ist etwas gelungen, was bemerkenswert ist. Und zwar ist dieses auf Platz 1 der reichsten brandenburgischen Gemeinden. Das liegt hauptsächlich daran, dass zur ehemaligen Flughafeneröffnung(der BER) viele Logistik- und Wartungsunternehmen nach Schönefeld gezogen sind und nun dort Steuern entrichten. Die Unternehmen waren Fertig, der Flughafen nicht. Es wurde nicht bedacht, dass die Hauptbauherren (Land Brandenburg und Berlin) für termingerechte Fertigstellungen von Milliardengräbern berühmt sind (AMD Chipfabrik, Lausitzring, Tropical Islands usw…).  Das einzige was nicht eröffnete ist der Flughafen, dessen Eröffnung schon ganze viermal verschoben wurde und dessen Bau bis zur Eröffnung (voraussichtlich 2017), mit Sicherheit als eines  der größten finanziellen Desaster der Länder Berlin und Brandenburg gelten wird.

Weiter geht es über einen sehr gut asphaltierten Weg durch Berlin Rudow hindurch nach Lichtenrade. Hier angekommen, gab es einen ersten Vorgeschmack auf Paris Roubaix. Kopfsteinpflaster wohin das Auge reicht. Straße, Fußweg, ja sogar die Häuser und Bäume hätten sie aus Kopfsteinpflaster gebaut! Also schnell weg hier – wenn schnell den geht. Die zuständige Behörde hat nämlich alles daran gesetzt, den Aufenthalt durch unsachgemäße Ausschilderung so lange wie möglich zu gestalten. Man kann nicht sagen das der Mauerweg nicht ausgeschildert ist, aber die Schilder sind so gut angebracht das ein übersehen die Regel ist.  Da der Weg nach Potsdam mir einigermaßen bekannt ist, hielt es sich mit den Verfahren einigermaßen in Grenzen.

Die historische Aufarbeitung des Mauerwegs ist bemerkenswert. An Stellen, an denen ein Fluchtversuch statt gefunden hat oder historische Gebäude waren bzw. Ereignisse statt fanden, sind Stehlen aufgestellt, die die Geschichte noch einmal erzählen und dem geneigten Radler mehr Informationen über den Boden geben indem er gleich seine fetten Stollen eingraben wird um mit Karacho abzudampfen…

Stehlen WP_20150926_10_35_32_Pro[1]

Nach dem Erreichen von Potsdam und der Passierung der Glienicker Brücke, ging es weiter in Richtung Pfaueninsel zum Wannsee. Wer kennt ihn nicht den berühmten Wannsee,  vielfach besungen und im Sommer der Ort wo der gemeine Berliner gerne mal die Blase leert. Da ich ja mit dem Radl unterwegs bin, keine Badehose dabei hatte und das Blasenwasser auch eher ausgeschwitzt wurde, stellte ich mich an der Fähre  nach Kladow an. Mit einem AB Ticket in der Hand sollte es dann mit einer Großraumfähre (60) Fahrräder hinüber gehen. Aber zuerst hieß es warten. Ich hatte die Fähre gerade verpasst (passiert, wenn man sich nicht informiert) und durfte eine dreiviertel Stunde mit Pommes, Currywurst, Hopfensmoothie und einem lustigen Touri- Dampferkapitän verbringen, der Geschichten erzählt hat, da wäre selbst der Klabautermann rot vor Scham geworden.

Warnung! Der südliche Mauerweg ist eine Hochburg von Joggern und Hunden!

Der gemeine Berliner mit Hund, führt Waldi gerne auf den Mauerweg, der „grünen Grenze“ Berlins spazieren den nur dort kann Waldi auch ohne Leine laufen. In engen Joggerdress, den halben Weg blockierend laufend, muss Waldi immer links den restlichen Weg blockierend laufen. Als Radfahrer bedeutet dieses, doppelte Achtsamkeit vor Trethupen und Pedalkleber und natürlich gilt auch hier die Massenattraktion(Erklärung siehe Brockentour) .

Zwischenerklärung

Trethupe: kleiner Vierbeiner, der beim Überfahren das Gefühl erzeugt, man sei über eine Bordsteinkante gefahren. Verbunden mit einem lauten quicken.

Pedalkleber: Meist Hütehund, rennt neben einem her mit der Absicht den Radfahrer ab zu drängen. Erscheint meist mit lautem Geschrei des Besitzers („Kommst du wieder her!“), das nach 500m aber schnell verebbt. Der Pedalkleber realisiert aber meist nach ca. 1,5 km und stetigem Tempowechsel (mal schauen wie Weit der noch mitmacht), dass verfolgen Sinnlos ist und gibt auf. Ob der Besitzer den Pedalkleber wiederbekommt ist nicht übermittelt und gehört zu den Mysterien des Radfahrens.

Der westliche Mauerweg

Habe ich eigentlich schon erzählt wie bescheiden die Wegqualität ist? Es gibt ja drei Stufen von schlechter Straße.

  1. Feldweg:  Man muss jederzeit damit rechnen, dass das Vorderrad verspringt oder man im Sande versinkt. Bei der Wahl der richtigen Spur, lassen sich die Erschütterungen minimieren und es kann ein asphaltähnliches Fahrgefühl erzeugt werden. Hohe Konzentration notwendig.
  2. Kopfsteinpflaster : Alles wackelt, die Kette zerklopft die Kettenstrebe und bei Nässe kreuzgefährlich. Am besten schieben.
  3. brandenburgischer Radweg : Generell gefährlich! Hier sind alle vorhergehenden Eigenschaften der schlechten Straße kombiniert und treten in lustig alternierender Reihenfolge auf. Am besten befahrbar mit einem Panzer.

Der Mauerradweg gehört zur Stufe brandenburgischer Radweg+. Dadurch, dass absolut keine Wegpflege betrieben wurde gibt es immer wieder kleine subtile Schläge und man denkt sich „Schei doppel s e! Warum ich?“. Es ist schon fast zermürbend, wenn der Weg nach gutem Asphalt aussieht aber eigentlich die Struktur des Pavé von Paris – Roubaix hat. Wobei man sagen muss bei Paris-Roubaix sind die Kopfsteinpflasterabschnitte kartographiert und der Fahrer weiß wann diese kommen. Hier nicht.

Aber zurück zum Weg. Man findet überall kleine Reste der Berliner Mauer. Teilweise an sehr skurrilen Orten z.B. ein Bauernhof, durch den die Mauer hindurch führt. Weiter geht es nach Henningsdorf, vorbei an den Bombardier Werken (Züge für die Welt), die ihren Energiebedarf  mittels eines Biomasse Heizkraftwerkes decken, welches man Vor Ort sehen und riechen kann. Daher schnell weiter nach Frohnau.

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Der nördliche Mauerweg

Habe ich eigentlich schon erwähnt, wie beschi…en der Weg ist? Von Frohnau, aus gestaltet sich der Mauerweg eher als Landpartie. über Feldwege geht es weiter in Richtung Hohen Neuendorf (hier soll es S-Bahn Anschluss geben). Nach der Ortsdurchfahrt geschieht hier etwas sehr merkwürdiges. Aufgrund einer Raum-Zeit Verzerrung gelangt man in den Wald von Arnheim und darf das Pavé dort fahren bis man virtuell in Glienicke angekommen ist. Und hier erlebte ich etwas, dass die alten Meister (Michelangelo, Donatello, Leonardo und Raphael -nicht die Schildkröten) in den Schatten stellt. Es ist sagenhaft, wie akribisch die Straßenmeister es hinbekommen haben, dass der Asphaltweg aussieht wie Asphalt, aber sich fährt wie Kopfsteinpflaster. Ich glaube eher hier wurde jeder Stein speziell mit einem Asphaltbild beklebt.

Mehr spektakuläres gibt es über den nördlichen Abschnitt leider nicht zu berichten. Ein typischer Ort wo sich Katz und Maus gute Nacht sagen.

Der östliche Mauerweg

Ja darauf hat man gewartet. nach 130km auf der logge, kommt man nun zum eigentlich Interessanten Abschnitt des Mauerwegs. Die historische Route durch Berlin. Ab geht es durch Berlin Pankow und Prenzlauer Berg, die Stadtviertel, die vor allem durch Ihre militanten Mütter mit Kinderwagen und Schwaben berühmt geworden sind (ja die Baden Württemberg Kennzeichen sind spürbar). Weiter geht es zum Regierungsviertel. Vorbei an dem Berliner Hauptbahnhof in Richtung Reichstag und Brandenburger Tor.

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An dieser Stelle entwickelt man dann persönliche Aversionen gegen Leute in knallbunten, enganliegender Sportkleidung mit quietschgrellen Sportschuhen, die sich laufend/ Joggend fortbewegen. Die gesamte innere City war abgesperrt und es war kein durchkommen. Das Argument, dass ich jetzt 150km dieser Linie gefolgt bin und diese gerne weiter fahren wolle, wurde an der Fanmeile am Brandenburger Tor abgeschmettert mit den Worten „ja und?“. -In meinem Kopf lief Herbert Grönemeyer „Meine Faust will unbedingt in sein Gesicht und darf nicht…“- Aber das Abenteuer hatte gerade erst begonnen. Da der Termin für den Berlin Marathon ja schon Jahrzehnte vorher feststeht, bin ich extra an einem Samstag gefahren, da der Marathon ja am Sonntag ist. Dann wimmelt es wieder von Joggern mit Hund.  Aber hier habe ich die Rollschuhfahrer unterschätzt. Die gesamte Strecke war abgesperrt. Beim Velothon gab es vereinzelt übergänge an denen das Überqueren der Straße möglich war. Ordner gaben dann das Signal. Hier Fehlanzeige. Ein Polizist erklärte mir das ich entweder alles umfahren soll, oder die U Bahnschächte verwenden sollte. Ich habe mich dann für letzteres entschieden. Toll so mit Radschuhen und Fahrrad in der Berliner U Bahn. Ich wurde auch nur 3 mal beschimpft. Egal. Nachdem die Straße unter den Linden unterquert war, konnte ich dann endlich weiterfahren bis zum Potsdamer Platz, wo das ganze Spektakel von vorne begann. Etliche Kilometer zu Fuß später, konnte ich dann wieder aufsitzen und es ging weiter in Richtung East Side Gallery. Hier noch schnell ein Foto gemacht und weiter durch Treptow in Richtung Schönefeld unserem Ausgangspunkt. Zuhause angekommen zeigte der Fahrradcomputer 186,3 km an und damit die weiteste Strecke des Jahres. Das Auswerten der Strecke hinterher zeigte jedoch das es 195,6 km waren, was mich dazu brachte meine Radumfang mal neu einzumessen. Und siehe da, dieser war falsch eingestellt. Toll. Aber in Summer war es eine sehr schöne Tour die man getrost nicht noch einmal machen muss.

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